Visionen: Im Wirklichen das Mögliche wahrnehmen. Zur Widerstandskraft der Empfindsamkeit.

Sonntag, 07. September 2025, 12:00 Uhr
Melanchthonkirche

Visionen: Im Wirklichen das Mögliche wahrnehmen.
Zur Widerstandskraft der Empfindsamkeit.

Resilienz ist ein typisches Modewort, das sich aus dem hauptsächlich psychologischen Gebrauch in die Alltagssprache eingeschlichen und wuchernd verbreitet hat. Kein Tag vergeht, an dem nicht der Ruf nach einer mentalen Resilienz in Krisenzeiten, dem klimaresilienten Umbau der Innenstädte, der Resilienz der Ukraine, einer resilienten Demokratie und nach vielem anderen mehr laut würde. Wörter haben dabei eine eigene Macht. Sie können befeuern, aber auch verletzen, vereinnahmen und ausschließen. In jedem Fall organisieren sie das Feld unserer Wahrnehmungen.

Resilienz bezieht sich nicht darauf, widrige Umstände zu beseitigen, sondern darauf, ihnen standhalten zu können, rüstig zu sein, weil es nicht darum geht, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, sondern auf sie gefasst zu sein. Damit werden Visionen überflüssig. Es wird ein Menschenbild normalisiert, das um das Selbst kreist und dabei die Bedeutung unserer Empfindsamkeit, unserer Sensibilität für unser gemeinsames Leben aus den Augen verliert. Die geplante Kanzelrede plädiert für Visionen und eine Widerstandskraft, die sich aus unserer Affizierbarkeit speist. Denn: Es ist „ausgeschlossen, allein ein Selbst zu sein.“ (Charles Taylor)

Käte Meyer-Drawe promovierte in Bielefeld im Jahr 1978 zum Thema Der Begriff der Lebensnähe und seine Bedeutung für eine pädagogische Theorie des Lernens und Lehrens. Im Jahr 1984 schloss sich die Habilitation zum Thema: Leiblichkeit und Sozialität. Phänomenologische Beiträge zu einer pädagogischen Theorie der Inter-Subjektivität an.  Sie ist Professorin im Ruhestand für Theorien der Erziehung und Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum]. 2015 wurde sie in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste gewählt. 2022 empfing sie ein Ehrendoktorat der Universität Klagenfurt.

Kanzelrede: Prof. Dr. Dr. h. c. Käte Meyer-Drawe
Musik: Ludwig Kaiser